Praxisgemeinschaft Bern-West

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Sozialpsychiatrisches Vorgehen bei einem IV-Patienten
Eine bald 50jährige Patientin wird nach 30jähriger Beschäftigung im Bürobereich eines Gross-Unternehmens der Telekommunikations-Branche von einem Tag auf den andern entlassen. Ihr Selbstvertrauen wird dadurch erschüttert, sie muss vom Hausarzt zunächst krankgeschrieben und wegen Schlafstörungen medikamentös behandelt werden. Gleichzeitig wird sie an uns überwiesen zwecks weiterer therapeutischer Unterstützung. Die Patientin wird zunächst teilzeitig in ein tagesklinisches Angebot integriert zwecks Installation einer angepassten Tagesstruktur und Vermeidung von sozialem Rückzug. Sodann wird sie in ein Wiedereingliederungs-Programm in einem der genannten Gross-Firma angegliederten Klein-Unternehmen aufgenommen, wo sie durch einen speziell geschulten Wiedereingliederungs-Fachmann eng begleitet wird. Es geht hierbei darum, dass sie eine neue berufliche Perspektive entwickelt basierend auf ihren bisherigen Kenntnissen und Erfahrungen, sich das Know-How einer zeitgemässen Bewerbung aneignet und erste Bewerbungsschritte initiiert. Bald einmal wird die IV eingeschaltet, die sich nun berufsberaterisch anbietet und der Patientin Möglichkeiten aufzeigt, wie sie im laufenden Abklärungs- und Bewerbungsprozess ihre neuen Erkenntnisse optimal nutzen kann. Der hier beschriebene Prozess läuft keineswegs so glatt und hindernisfrei ab wie dargestellt, es stellen sich bei der Patientin immer wieder Krisen und Rückfälle in alte Muster ein, die sie daran hindern, zielstrebig an ihrem Vorhaben, nämlich möglichst bald wieder eine geeignete Stelle zu finden, zu arbeiten. Die Aufgabe des Psychiaters ist es, sie immer wieder auffangen und ermutigen zu versuchen, wobei er sich auf die ihm zur Verfügung stehenden personellen Ressourcen abstützt. Er ist es gewohnt, in solchen Fällen vernetzt zu arbeiten und sich mit den diversen in den Fall involvierten Bezugspersonen der Hausarztpraxis, der Tagesklinik, des Arbeitgebers und der IV kurzzuschliessen. Folgerichtig organisiert er gemeinsame Treffen, sei es mit einzelnen Exponenten des laufenden Prozesses, sei es mit allen gemeinsam, selbstverständlich in Anwesenheit der Patientin, zwecks Standortbestimmung und Klärung des weiteren Vorgehens. Die psychiatrische Praxis ist also Dreh- und Angelpunkt eines solchen Begleitprozesses; hier laufen alle Fäden zusammen. Die Patientin weiss, woran sie ist, wer was über sie denkt, ist stets im Besitz aller nötigen Informationen, kann sich daran orientieren und dadurch Halt und Sicherheit gewinnen.