Praxisgemeinschaft Bern-West

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Interkulturelle Therapie

Bei der Arbeit mit Migranten ist es fundamental, den kulturellen Herkunftskontext der Menschen oder die Werte an denen sie sich orientieren, zu berücksichtigen. Denn, sonst können Fehleinschätzungen bereits bei der Diagnose passieren, da wir uns an die internationalen Diagnoserichtlinien halten, die jedoch westlichen Ursprungs sind.

Vor einiger Zeit wurde mir von einer Klinik eine junge Südländerin zur Nachbetreuung überwiesen. Sie hatte die Diagnose einer mittleren Depression mit phobischer Angst und psychotischen Symptomen. Sie behauptete von ihrer Mutter verhext worden zu sein. Ich wusste bereits, dass in ihrer Region der Glaube an Hexen in der Gesellschaft stark verwurzelt ist.  Beim Explorieren ihres Herkunftskontextes bestätigte sich dies. Ihre Mutter, eine geschiedene Frau, wurde im Dorf als Hexe verpönt, gefürchtet und gemieden. Sie erzog die beiden Töchter sehr streng und hielt sie scheinbar zur Unehrlichkeit, zur Lüge und zum Diebstahl an. Das Spielen mit anderen Kindern in der Freizeit war den beiden Mädchen verboten. Als die Klientin mit 18 Jahren erstmals gegen die Mutter aufbegehrte, habe sie die Mutter kurzerhand als undankbare Verräterin aus dem Haus geworfen und mit einem Todesfluch belegt. Diese Verfluchung sowie die radikale Weise des Beziehungsabbruchs trafen die Klientin existentiell. Sie war zutiefst verunsichert. Bei fürsorglichen Verwandten versuchte sie zunächst erfolgreich zu verdrängen. Zwei Jahre später kam sie mit ihrer Schwester zur Erwerbsarbeit in die Schweiz. Hier fühlte sie sich oft alleine, hilflos und desorientiert. Sie lernte einen verheirateten Mann aus ihrer Region kennen und begann mit ihm sofort eine Liebesbeziehung. Der Mann konnte sie lange beliebig manipulieren. Doch bei einem Telefongespräch während ihrer Arbeitspause, gerieten sie in Streit. Als er einsah, dass er diesmal sein Ziel nicht erreichen würde, verfluchte er sie und empfahl ihr, sich doch umzubringen. Das löste bei der Klientin panische Todesangst aus, da sie sich schlagartig an die Mutter/Hexe erinnerte und glaubte, sich nun umbringen zu müssen, damit sich der Fluch der Mutter erfülle. Von diesen magischen Gedankenassoziationen getrieben, liess sie alles stehen und rannte schreiend von der Arbeitsstelle weg, fast könnte man sagen, geradewegs in die Klinik.

Psychotisch habe ich die Frau während der mehrjährigen Nachbehandlung nie erlebt, wohl aber mit einem ausgeprägten magischen Denken - wenn es um die Deutung ihrer Welt ging-. In dem Masse jedoch, wie sie ihre inneren Vorgänge auch rational begriff, schwächte sich die Depression entsprechend ab. Einzig die phobische Angst musste konventionell behandelt werden. Die Klientin musste lernen nicht davon zu springen. Sich stellen, sowohl der Angst wie auch dem Leben. Aber auch Nachreifen, ethisch Position beziehen, selbständiger und selbstsicherer werden, waren Teil der Therapie. Es ging also primär um die Behandlung einer Angststörung und der Begleitung in einem Individuationsprozess, der bisher nicht stattgefunden hatte.

Wie Sie sehen, ist es also wichtig, sowohl für die Erstellung der Diagnose wie für die daraus folgende Therapie sowie möglichen Medikation, den soziokulturellen Kontext einer Person mit einzubeziehen. Denn: Magisches Denken ist noch keine Pathologie!